Neuerwerbungen

STÄDELSCHER MUSEUMS-VEREIN ERWIRBT GEMÄLDE VON HAMMERSHØI

 

Vilhelm Hammershøi:
Interieur. Strandgade 30, 1901
Öl auf Leinwand, 66 x 55 cm
Erworben 2012. Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V.
Städel Museum, Frankfurt am Main

„INTERIEUR. STRANDGADE 30“ (1901) ERGÄNZT DIE KUNST DER MODERNE IM FRANKFURTER STÄDEL MUSEUM

Das Städel Museum erhält einen wesentlichen Zuwachs für seine Sammlung der Kunst der Moderne: Der Städelsche Museums-Verein konnte für das Frankfurter Museum aus einer englischen Privatsammlung das Gemälde Interieur. Strandgade 30 (1901) von Vilhelm Hammershøi (Kopenhagen 1864–1916 Kopenhagen) erwerben. Hammershøis Interieurdarstellungen dieser Jahre gelten bis heute als Markenzeichen des dänischen Malers, der bereits zu Lebzeiten einer der gefeiertsten Künstler Europas war. Auch heute wird Hammershøi als herausragender Künstler seiner Zeit rezipiert, wie mehrere internationale Ausstellungen in jüngerer Zeit – u. a. im Musée d’Orsay (Paris), im Guggenheim Museum (New York), in der Royal Academy (London) oder zuletzt in der Hypo-Kulturstiftung (München) – belegen. Mit dem Erwerb dieses wichtigen Hammershøi-Interieurs durch den Städelverein kann das Städel Museum seinen sehr guten Bestand an Symbolisten weiter ausbauen, weist doch Hammershøis Œuvre Bezüge zu Edvard Munch, Max Klinger und Ferdinand Hodler auf. Ferner ist Hammershøis Interieurmalerei durch die holländische Stubenmalerei des 17. Jahrhunderts inspiriert, die im Städel ebenfalls mit hervorragenden Beispielen von Johann Vermeer oder Pieter Janssens Elinga vertreten ist. "Dieser spektakuläre Ankauf schlägt eine Brücke zwischen der Moderne und den alten Meistern und ist damit ein wahrer Glücksfall für das Städel. Ein lang ersehnter Wunsch geht für uns in Erfüllung", kommentierte Städel-Direktor Max Hollein den Neuzugang.

Sylvia von Metzler, die Vorsitzende des Städelschen Museums-Vereins, freut sich sehr über den erfolgreichen Beitrag des Freundeskreises zur Erweiterung der Sammlung. "Unsere Hauptaufgabe ist es, den Ausbau der Sammlungen durch wichtige Ankäufe kontinuierlich voranzubringen. In seiner über hundertjährigen Geschichte konnte der Verein knapp 700 Exponate, darunter zentrale Werke von Lucas Cranach, Rembrandt, Jean-Antoine Watteau, Max Liebermann, Franz Marc, Max Beckmann, Pablo Picasso und vielen anderen namhaften Künstlern, erwerben und dem Museum als Dauerleihgabe übergeben. Eine breite Öffentlichkeit mit Museumsbesuchern aus Frankfurt, der Rhein-Main-Region und aller Welt profitiert damit von unserer Arbeit. Nur dank großzügiger Spenden von privater Seite, Stiftungen und Unternehmen ist uns die Unterstützung mit Erwerbungen für Städel und Liebieghaus immer wieder möglich", erläuterte von Metzler die Ziele des Vereins.

Dr. Felix Krämer, Sammlungsleiter der Kunst der Moderne im Städel, wird das Gemälde am 30. Oktober 2012 erstmals in einem Vortrag für die Mitglieder des Städelschen Museums-Vereins vorstellen. Anschließend wird die Arbeit in die ständige Sammlungspräsentation des Städel integriert, wo sie ab Mitte November zu sehen sein wird. Der Kunsthistoriker, der als Kurator für die Hammershøi-Ausstellungen in Hamburg, London und Tokio verantwortlich war, zeigte sich überglücklich über den gelungen Ankauf dieses "hervorragenden und charakteristischen" Werkes. "Mit der Erwerbung von Interieur. Strandgade 30 wird die Sammlung der Moderne im Städel Museum um einen wichtigen Beitrag reicher", so Krämer.

Hammershøis Œuvre ist sehr eigenständig, dennoch sind vor allem inhaltliche Bezüge zum Symbolismus nachweisbar. Fast alle seine Gemälde sind in einem grautonigen Farbspektrum gehalten und verzichten auf anekdotische Details. Bekannt ist Hammershøi besonders für stille puristische Interieurdarstellungen, die fast die Hälfte seines Werks ausmachen. In diesen stellt er mit großer geometrischer Strenge die sparsam möblierten Zimmer seiner Wohnung in Kopenhagen dar. Das Frankfurter Gemälde zeigt im Vordergrund ebenfalls das spärlich ausgestattete Esszimmer des Künstlers, in welches von rechts eine Tür hineinragt. An der Stirnseite gibt eine weit geöffnete Zimmertür die Sicht auf eine Raumflucht frei, an deren Ende Licht durch ein Fenster scheint. Davon angezogen, wird der Blick des Betrachters an den Bodendielen entlang in die Tiefe des Raums gelenkt. Unterbrochen wird diese Blickführung durch zwei Türschwellen, die den mittleren, nur schwach beleuchteten Raum visuell abgrenzen. Dort steht die Frau des Künstlers, Ida Hammershøi, im Schatten, dem Betrachter den Rücken zugewandt. Obwohl sämtliche Türen weit geöffnet sind, zingeln diese in ihrer optischen Verlängerung Ida gleichsam ein; die Linienführung hält sie genau in der Mitte des Bildes gefangen. Die vermeintliche Offenheit der Türen bewirkt das Gegenteil: Anstatt einen Weg freizugeben, fixieren sie Ida im Zentrum des Gemäldes. Es sind solche visuellen Irritationsmomente, die Hammershøis wichtige Gemälde kennzeichnen und ein besonderes Qualitätsmerkmal seiner Kunst bilden. Welche Bedeutung gerade dieser Darstellung zukommt, die er kurz nach ihrem Entstehen an einen Kopenhagener Privatsammler verkaufte, zeigt auch die Tatsache, dass er vier Jahre später, 1905, eine Variante des Frankfurter Bildes malte, welche sich heute in der Sammlung des Ateneum, der Finnischen Nationalgalerie, in Helsinki befindet.

Mittlerweile ist das Interesse an Vilhelm Hammershøi unter Fachleuten ausgesprochen hoch. Erst jüngst hat das Metropolitan Museum in New York ein Hammershøi-Interieur erworben. In Deutschland besitzen die Alte Nationalgalerie in Berlin, das Niedersächsische Landesmuseum Hannover, Schloss Gottorf und die Hamburger Kunsthalle Werke des Künstlers. Hammershøi-Werkschauen wurden in den vergangenen Jahren im Musée d’Orsay in Paris und im Guggenheim Museum New York (beide 1997) sowie in der Hamburger Kunsthalle (2003), der Royal Academy in London und im National Museum of Western Arts in Tokio (beide 2008) gezeigt. Zuletzt wurde der Däne mit großem Erfolg unter dem Titel "Vilhelm Hammershøi und Europa" im Statens Museum for Kunst in Kopenhagen und in der Hypo-Kulturstiftung in München prominent ausgestellt.

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