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© Naoya Hatakeyama/ Courtesy L.A. Galerie - Lothar Albrecht, Frankfurt

NAOYA HATAKEYAMA

Blast 5416

1998/99

Farbfotografie
Inv. Nr. DZ BANK-Sammlung im Städel Museum

100 × 150 cm

zur  Biographie

Wenn man einen Stein sieht, hat er einen bereits erschlagen, sagt ein geflügeltes Wort. In diesem Sinn sind die zwei großformatigen Farbfotografien von Hatakeyama aus der Serie Blast (1995–1996) "unmögliche" Bilder, die zwei zentrale Eigenschaften des fotografischen Mediums in Szene setzen. In der Tradition der Time-Motion-Experimente aus der Frühzeit der Fotografie mit ihrer enormen Erweiterung unseres Augensinns haben wir es mit erhabenen Augenblicken zu tun. Erhaben auch deshalb, weil durch das Ausbleiben des ungeheuren Knalls, der mit dem realen Vorgang der Sprengung einhergeht, die Grabesstille des Bildes umso spürbarer wird. Als Tableaus führen die Bilder die überwältigende Detailgenauigkeit des Mediums vor. Man könnte von fotografischen Zeitlupen-Bildern sprechen. Ein filmisches Gegenstück dazu wäre etwa die Schlusssequenz in Michelangelo Antonionis Zabriskie Point, 1970, in der zu den Klängen von Pink Floyds Be careful with the Axe die Explosion einer extravaganten modernen Villa im amerikanischen Südwesten in extremer Zeitdehnung zu sehen ist. Hatakeyamas Explosionen zeigen aber auch einen Vorgang aus der modernen Industrie, den Abbau von Kalkstein. Kalkstein ist ein Grundstoff für die Herstellung von Beton. In dem gleichen rasanten Maß, in dem die Städte in die Höhe wachsen, verschwinden die Kalksteingebirge, die über Jahrtausende entstanden sind. Dieser Aspekt rückt beim Betrachten des Gesamtwerks in den Vordergrund. So ist der Blick über das Häusermeer der Großstadt Thema der Serie Untitled, an welcher der japanische Künstler seit 1989 arbeitet. Zwischen 1993 und 1996 entstand die River Series, Farbfotografien kleiner Flüsse und Bäche, die, zu Kanälen degradiert, unter Straßenbrücken und zwischen Hochhäusern in Tokio fließen. Zwei Lime-Serien aus den frühen 1990er Jahren beschäftigen sich ebenfalls mit der Kalksteinindustrie in Japan. Das Spannungsverhältnis zwischen den hochtechnisierten Metropolen und der Umwelt in einem Land, das sich selbst fast buchstäblich in die Moderne katapultiert hat – "die Moderne ist ein Augenblick" (T.J. Clark) –, ist das Grundthema von Hatakeyama und vielen japanischen Künstlern. Stellvertretend sei nur an die Ruinenästhetik
von Ryuji Miyamoto erinnert. Es ist aber noch eine andere Sprengkraft, die in mehreren Generationen japanischer Künstler, von On Kawara bis Hatakeyama und Miyamoto, nachhallt – sie betrifft die Städte Hiroshima und Nagasaki.

Hubert Beck
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