Ausstellungen / Archiv / 2006

"GEFEIERTE STARS EINER NOBLEN KUNSTLANDSCHAFT. STÄDEL PRÄSENTIERT ZEICHENKUNST `VON TIZIAN BIS TIEPOLO´"

Offenbach Post, Reinhold Gries, 3. November 2006 zur Ausstellung "Von Tizian bis Tiepolo. Venezianische Zeichnungen des 15. bis 18. Jahrhunderts" (3. November 2006 bis 28. Januar 2007)

Martin Kppenberger, Zwei proletarische Erfinderinnen auf dem Weg zum Erfinderkongress, Städel Museum, Frankfurt am Main, Copyright: Nachlass / Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln
29. September 2006 bis 9. April 2007 - Kuppelsaal

MARTIN KIPPENBERGER: ARBEITEN BIS ALLES GEKLÄRT IST - BILDER 1984/85

Dank der großzügigen Schenkung der Messe Frankfurt ist das Städel Museum nun erstmals im Besitz eines Werkes von Martin Kippenberger (1953–1997), einem der vielseitigsten und experimentierfreudigsten Künstler des späten 20. Jahrhunderts. Diese Übergabe wollen wir mit einer Ausstellung von sechs Bildern Kippenbergers im Kuppelsaal entsprechend würdigen.

In den Jahren 1984/85 entstand um die »Zwei proletarischen Erfinderinnen auf dem Weg zum Erfinderkongreß« eine Gruppe von Gemälden in der für ihn typischen ironisch-provokanten Motivik, die sich aus der Bildwelt des Kommunismus bediente. Sie stellt den Rückblick eines deutschen Künstlers aus der Perspektive der 1980er Jahre auf die Zeit des russischen Aufbruchs dar.

Die Ideologie der Arbeit, die Selbstbefreiung des Proletariats, die kollektive Lebensform waren Schlagworte, die Kippenberger in einer mit den Anschauungen eng verschränkten pseudofuturistischen bzw. pseudokonstruktivistischen Wort- und Bildsprache pointiert aufnahm.

Seine Sicht ist resignativ, denn sowohl der Lauf der Geschichte als auch die Gegenwart des Kalten Krieges spiegeln sich darin. Doch geht es dem stets rastlosen Künstler nicht um Schuldzuweisungen und Positionen des Rechthabens. Vielmehr gilt sein Fingerzeig jener schlichten Weisheit, dass der Umgang mit den Tücken und Fallstricken der Welt gelernt sein will und dass hinter all jenen symbolischen Belagerungen das Leben selbst in seiner Banalität lauert.

Die gezeigte Auswahl von Gemälden demonstriert die Größe von Kippenbergers Ansatz, ein Gespinst aus Wahrheit und Lüge, aus dokumentarischem Bildreport und purer Fiktion zu knüpfen. Der Künstler schlüpft tief in die zu bearbeitende Ideen- und Motivlandschaft hinein, um sie von innen heraus zu kommentieren.

Sein Kommentar wartet dabei auf eine Antwort aus den Reihen des Publikums, denn das Reden über und Zerreden von etwas ist stets eine der übergeordneten Klammern im Werk Kippenbergers.


Johannes Verspronck, Bildnis einer Frau im Sessel, Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Artothek
7. November 2006 bis 9. April 2007 - Kabinett zum Main

FOKUS AUF JOHANNES VERSPRONCK: BILDNIS EINER FRAU IM SESSEL, UM Fokus auf 1642–1645 (INV. NR. 703)

Nach seiner Restaurierung wird das Bildnis einer "Dame im Sessel" von Johannes Verspronck erstmals seit Jahrzehnten wieder der Öffentlichkeit präsentiert.

Neben dem heute weitaus bekannteren Künstlerkollegen Frans Hals war Verspronck im 17. Jahrhundert einer der gefragtesten Porträtisten in Haarlem.

In der Ausstellung werden die spezifische künstlerische Situation der beiden Bildnismaler, ihre Auftraggeber und deren sozialer Kontext beleuchtet. Kostümdetails machen die repräsentative Funktion eines solchen Porträts anschaulich. Der Entstehungsprozess wird ebenso aufgezeigt wie die Restaurierung des Gemäldes und seine Herkunft aus einer der bekanntesten Hanauer Sammlungen der Goethezeit.


Claude Monet, Der Garten des Künstlers in Giverny, 1896, Stiftung Sammlung E. G. Bührle, Zürich
24. November 2006 bis 11. März 2007 - Städel-Anbau, EG und OG

GÄRTEN. ORDNUNG, INSPIRATION, GLÜCK

Gärten bieten Menschen Schutz, Erholung und Inspiration. Sie sind Rückzugsort aus den Wirren des Alltags, Spiegel der Seele, blühende Inspirationsquelle und unerschöpflicher Fundus für immer neue Bildideen. Über Jahrhunderte hinweg wurden Künstler von ihnen zu Meisterwerken angeregt. Die Ausstellung widmet sich epochen- und gattungsübergreifend dem Motiv des Gartens in der bildenden Kunst und präsentiert dessen Darstellungsvielfalt anhand von über 200 Arbeiten aus international bedeutenden Museen und Sammlungen.

Der gemalte Garten ist so vielfältig wie seine Bedeutungen: der Paradiesgarten des Mittelalters bildet einen magischen Bezirk, aus dem alles Böse ausgeschlossen bleibt, Peter Paul Rubens versammelt spielende Gesellschaften in herrschaftlichen Schlossgärten; Jean-Antoine Watteau und Jean-Honoré Fragonard entführen den Betrachter in prachtvolle Liebesgärten.

Mit der Aufklärung beginnt die psychologische Interpretation des Gartens. Caspar David Friedrich sieht sich als Vermittler zwischen Mensch und Natur, Carl Spitzweg gibt Einblick in kleine, bürgerliche Gärten und Adolf Menzel, Carl Blechen und Lovis Corinth schließlich erblicken aus dem Atelierfenster keine grünen Refugien mehr, sondern kleine, verwahrloste Hinterhöfe als erste Folgen der Industrialisierung.

Die Impressionisten wie Claude Monet legen üppig bepflanzte und phantasievoll gestaltete Gärten an, um sie in farbenprächtigen, lichtdurchfluteten Bildern festzuhalten. Auf den Gemälden von Auguste Renoir, Camille Pissarro und Eduard Manet gehen Mensch und Natur eine symbiotische Verbindung ein. Doch kann diese enge Beziehung auch in anderer Form ihren Ausdruck finden: Für Vincent van Gogh wird der Garten zur Projektionsfläche seiner Schwermut.

Von fremden Ländern fühlen sich Künstler und Wissenschaftler in gleicher Weise angezogen. Humboldts Expeditionen bringen eine Fülle von Pflanzen nach Europa, die fortan Palmenhäuser, botanische Gärten und auch Hausgärten bereichern. Auch Paul Klee zieht es in unbekannte Länder. Er lässt sich von der Farb- und Formenvielfalt der Vegetation inspirieren und gelangt zu neuen künstlerischen Ausdrucksformen. Der konzentrierte Blick auf einzelne Pflanzen in den Studien von Georg Flegel und den Herbarien von Goethe oder Paul Klee demonstriert künstlerisches Interesse, aber auch große botanische Kenntnis.

Als beglückender Erlebnisraum, Ort der Ruhe und Inspirationsquelle ist der Garten seit jeher ein fruchtbares Thema für die bildende Kunst, das die Ausstellung in all seiner Pracht und seinen Facetten vor Augen führt.

Zweite Station dieses Projekts:

Kunstbau der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, München
05.04.-08.07.2007


Giovanni Domenico Tiepolo, Pulcinellas Vater führt seine Braut nach Hause, Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V.
3. November 2006 bis 28. Januar 2007 - Graphische Sammlung

VON TIZIAN BIS TIEPOLO. VENEZIANISCHE ZEICHNUNGEN DES 15. BIS 18. JAHRHUNDERTS

Die Ausstellung "Von Tizian bis Tiepolo. Venezianische Zeichnungen im Städel Museum" ist das Ergebnis einer zweijährigen Bearbeitung des 300 Werke umfassenden Bestandes der venezianischen Zeichnungen des Städel. Mit einer repräsentativen Auswahl von 90 der bedeutendsten Blätter aus diesem Bestand, die nun erstmals der Öffentlichkeit präsentiert werden, bietet sie einen Überblick über die venezianische Zeichenkunst vom 15. bis zum 18. Jahrhundert.

Vereint werden Zeichnungen unterschiedlicher Funktionen wie Figurenstudien, Entwürfe für Altar- und Deckengemälde, autonome bildhafte Kompositionen, Porträts, Landschaften und Veduten. Die Konzentration auf Werke des 16. und 18. Jahrhunderts entspricht den Blütezeiten der venezianischen Kunst.

Tizian und Tintoretto als Vertreter des 16. Jahrhunderts sind ebenso mit Werken vertreten wie die großen Meister des 18. Jahrhunderts: Giambattista und Giandomenico Tiepolo, Piazzetta, Canaletto, Francesco Guardi und andere mehr.

Zudem gilt der Zeichnungsbestand von Gaspare Diziani, eines berühmten, dann vergessenen und in letzter Zeit wiederentdeckten Historienmalers und Zeitgenossen Tiepolos als eine der Entdeckungen dieser Ausstellung.

Der Bestand der venezianischen Zeichnungen im Städel konnte Dank der großzügigen Förderung durch die Frankfurter Gabriele Busch-Hauck Stiftung wissenschaftlich bearbeitet werden.


Barnaba da Modena, Madonna mit Kind, Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Artothek
7. Juli bis 22. Oktober 2006 - Städel-Anbau, EG

KULT BILD. DAS ALTAR- UND ANDACHTSBILD VON DUCCIO BIS PERUGINO

Die Städel-Ausstellung "Kult Bild. Das Altar- und Andachtsbild von Duccio bis Perugino" verfolgt die Entwicklung des italienischen Altarbildes und – damit aufs Engste verwoben – der italienischen Tafelmalerei zwischen dem 13. und dem späten 15. Jahrhundert.

Die häufig fragmentierten, fast immer musealisierten Werke sind heute meist aus ihrem ursprünglichen Funktionskontext gerissen und dem Betrachter dadurch vielfach unverständlich, ja fremd geworden. Dies wird durch den Umstand verstärkt, dass sie für ein Kunstverständnis stehen, das sich seit der Renaissance grundlegend verändert hat.

Die Ausstellung "Kult Bild" verfolgt daher das doppelte Ziel, dem Besucher eine Vorstellung von der zeitgenössischen Auffassung der Bilder zu vermitteln und ihn darüber hinaus mit dem sich wandelnden Verständnis von Kunst und ihrer Herstellung in der Zeit von Duccio bis Perugino vertraut zu machen.

Auf diese Weise wird nachvollziehbar, dass der lebhafte Austausch zwischen Altar- und Andachtsbild zugleich zur Entstehung all jener Gattungen beigetragen hat, die uns heute so selbstverständlich scheinen: des erzählenden Bildes, des Bildnisses, des Stilllebens und der Landschaft. Die herausragenden Gemäldebestände des Städel Museums werden durch Leihgaben bedeutender nationaler und internationaler Sammlungen ergänzt, darunter das Lindenau-Museum Altenburg, die Gemäldegalerie Berlin, das Musée des Beaux-Arts in Lyon, das Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid, der Louvre in Paris oder das Museo Nazionale di San Matteo in Pisa.

"Kult Bild" betrachtet die Malerei eines Zeitalters, in der es "Kunst" im neuzeitlichen Sinn noch nicht gegeben hat. Sprechen wir heute von Kunst, so gebrauchen wir dabei unwillkürlich eine Definition, die sich erst mit der italienischen Renaissance entwickelt hat und die den "Kunstwert" des Kunstwerks in den Blick nimmt.

Weder Duccio oder die Brüder Lorenzetti im Siena des 14. Jahrhunderts noch die Florentiner Lorenzo Monaco oder Fra Angelico im frühen Quattrocento hätten ihre Kunst in diesem Sinn verstanden – für sie dominierte noch der "Kultwert" ihrer Werke.

Erst um die Mitte des 15. Jahrhundert begannen sich mit Malern wie Andrea Mantegna die neuzeit¬lichen Kunstvorstellungen zu entwickeln, doch erst die Künstlergeneration des Perugino-Schülers Raffael sollte um 1500 die eigentliche Zeitenwende im Verständnis von "Kunst" herbeiführen.

Zuvor stand also weniger das "Kunstbild" als vielmehr das "Kultbild" im Blickfeld von Künstlern und Auftragebern, was sich auch in der Ausstellung widerspiegelt.


Jan van Eyck, Lucca-Madonna, Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Artothek
31. Mai bis 29. Oktober 2006 - Kabinett zum Main

FOKUS AUF JAN VAN EYCK: LUCCA-MADONNA

Das einzelne Kunstwerk wird in seiner Präsentation im Museum auf den ersten Blick oft nur als ästhetisches Phänomen, als »schönes Bild« wahrgenommen. Seine ursprüngliche Funktion, der historische Hintergrund, die ikonographische Aussage, der Anspruch und das strategische Ziel, welches der Künstler oder der Auftraggeber verfolgte, die revolutionären Neuerungen im Bereich von Bildaufbau, -gestaltung und -technik und vieles mehr bleiben dabei im Hintergrund. Doch erst die ganzheitliche Erfassung der Bedeutung eines Kunstwerks im Hinblick auf seinen künstlerischen, historischen, religiösen, soziologischen und marktwirtschaftlichen Kontext gibt uns die Möglichkeit, den wahren Gehalt und seine Aktualität für uns heute und für die Geschichte zu erkennen.

Jan van Eycks »Lucca-Madonna« gehört zu den bedeutendsten Werken des Städel Museums und steht am Anfang einer neuen Ausstellungsreihe, die sich anhand eines Meisterwerks aus der Sammlung unterschiedlichen Perspektiven der Wahrnehmung eines Kunstwerks widmet.

Die vielfältigen Rezeptionsebenen des Kunstwerks werden dabei als aktueller, evolutionärer Forschungsprozess präsentiert, der sich in der Ausstellung in Form von wandfüllenden »mind maps« niederschlägt. Neben Erkenntnissen aus der Kunstgeschichte werden Überlegungen aus anderen Disziplinen wie der Soziologie, der Mentalitäts-, Frömmigkeits- und Wissenschaftsgeschichte genauso wie Ergebnisse aus naturwissenschaftlichen Untersuchungen einbezogen.

Als einer der Gründerväter der altniederländischen Malerei steht Jan van Eyck zugleich am Beginn der neuzeitlichen Malerei überhaupt. Mit seiner unvergleichlichen Maltechnik, die er nicht erfunden, wohl aber entscheidend verfeinert hat, mit seinen brillanten Bilderfindungen wie mit seinem souveränen Umgang mit der Bildtradition findet der Künstler im 15. Jahrhundert nicht seinesgleichen.

Die »Lucca-Madonna« in der Sammlung des Städel entstand in den späteren 1430er Jahren und zeigt Jan van Eyck auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Möglichkeiten. Überwältigender Detailrealismus und eine reiche Symbolsprache verbinden sich mit der psychologischen Erfassung des Verhältnisses von Mutter und Kind zu einer Darstellung, die auch den heutigen Betrachter unmittelbar berührt.

Hierzu trägt nicht zuletzt die raffinierte Bildgestaltung bei, die dem Betrachter das Gefühl vermittelt, der Bildraum setze sich in seinem eigenen Betrachterraum vor dem Gemälde fort. So simpel diese Bildlösung auch wirkt, sie ist das Ergebnis eines komplexen Entstehungsprozesses, der dank der Möglichkeiten moderner Gemäldetechnologie sichtbar gemacht werden kann.

Bildentstehung, Bildbedeutung und Bildfunktion – diese drei Aspekte stehen daher im Mittelpunkt unterschiedlicher Annäherungsweisen an Jan van Eycks »Lucca-Madonna«, die in dieser Ausstellung erprobt werden.


Albrecht Dürer, Bildnis einer Frau mit offenem Haar, Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Artothek
31. Mai bis 17. September 2006 - Kuppelsaal

ALBRECHT DÜRER - ZWEI SCHWESTERN

Zum ersten Mal seit über 150 Jahren sind die beiden 1497 von Albrecht Dürer gemalten Bildnisse junger Frauen wieder nebeneinander zu sehen, die sich heute im Städel Museum Frankfurt und in der Berliner Gemäldegalerie befinden. Vermutlich sind sie von Anfang an als Bilderpaar konzipiert – wenn auch als ein sehr ungewöhnliches: Eine Debütantin aus der Nürnberger Gesellschaft trifft auf eine fromme, in sich gekehrte Beterin, ein Porträt vor neutralem Grund auf ein Bildnis in der Ecke eines Raumes mit Landschaftsausblick, eine italienisch inspirierte Figur antwortet einer eher spätgotischen. Der Gedanke liegt nahe, daß hier Geschwister dargestellt sein könnten, die einander physisch ähnlich sehen und gleichzeitig schon sehr unterschiedliche Lebenswege einschlagen.

Aber die künstlerisch-ästhetische Dimension der offenbar ganz bewußt inszenierten Gegensätze legt auch die Vermutung nahe, daß der Künstler ein ganz besonderes Verhältnis zu diesen Sujets hatte. Am Ende könnten es gar zwei Schwestern von Albrecht Dürer selbst gewesen sein, die der berühmteste deutsche Maler hier porträtiert hat?

Die Ausstellung versammelt die Indizien, die zu dieser Vermutung Anlaß geben. Sie zeigt aber auch noch zwei weitere Versionen der beiden Bildnisse von hoher Qualität. Welches Paar von Dürers Meisterhand stammt und bei welchem es sich um Kopien handelt, diese Rätselfrage wird ebenfalls thematisiert und der Besucher zum Mitraten animiert.

Die Bildnisse der beiden Frauen wurden schnell berühmt. Im 16. Jahrhundert müssen sie in den Besitz der Nürnberger Patrizierfamilie Fürleger gelangt sein. 1636 bringt sie der berühmte englische Diplomat und Kunstsammler Thomas Howard, 2. Earl of Arundel als Geschenk oder Ankauf aus Nürnberg mit nach England. Der vielleicht beste Reproduktionsstecher der Zeit, Wenzel Hollar aus Prag, radiert sie für ihn. Auch dieser Facette in der Geschichte der Bilder geht die Ausstellung nach.


Lucas van Leyden, Das Milchmädchen, Städel Museum, Frankfurt am Main
30. Juni bis 1. Oktober 2006 - Graphische Sammlung

LUCAS VAN LEYDEN (1489/94-1533): MEISTERWERKE DER DRUCKGRAFIK

Im frühen 16. Jahrhundert war Lucas van Leyden neben Dürer der berühmteste und meistgeschätzte Druckgrafiker nördlich der Alpen. Seine Werke zeichnen sich durch eine eigenständige und originelle Motivwahl und Erzählweise, eine zeichnerische Feinheit des Strichs und ein Interesse an atmosphärischen Wirkungen aus.

Die Graphische Sammlung im Städel verfügt über einen umfangreichen Bestand an druckgrafischen Werken Lucas van Leydens, die in der Ausstellung in einer Auswahl präsentiert und kommentiert werden. Ergänzt werden die Blätter durch ausgewählte Leihgaben aus den Kupferstichkabinetten von Amsterdam, Berlin und Dresden sowie durch Vergleichsbeispiele anderer Künstler, z. B. von Schongauer, Dürer und Rembrandt.

"Mich hat zu gast geladen maister Lucas, der in kupffer sticht, ist ein kleins männlein und bürtig von Leijden auß Hollandt, der war zu Antorff." Albrecht Dürers Eintrag in das Tagebuch anlässlich seines Aufenthalts in Antwerpen 1521 ist das einzige Dokument, das uns die Person Lucas van Leydens unmittelbar vor Augen führt. Über den Lebensweg von Lucas van Leyden wissen wir nur Spärliches. Die ergiebigste Quelle zu seiner Biographie ist das 1604 veröffentlichte "Schilderboek" des niederländischen Malers und Schriftstellers Carel van Mander, der sich auf Berichte der Nachfahren des Künstlers stützte.

Nach van Mander kam Lucas im Mai oder Juni 1494 als Sohn des Malers Huych Jacobsz in der Tuchmacher- und Handelsstadt Leiden zur Welt. Von seinem Vater erlernte er das Malerhandwerk, vielleicht mit Hilfe eines Goldschmiedes brachte er sich das Kupferstechen bei. Van Mander schreibt, Lucas sei ein Wunderkind gewesen, habe bereits als Neunjähriger eine Platte gestochen, mit 12 gemalt und mit 14 Jahren 1508 seinen Meisterstich Mohammed und der Mönch Sergius vollendet. Vielleicht war Lucas wirklich ein Wunderkind, vielleicht beruht die Angabe aber auch auf einem Missverständnis und Lucas hat erst mit 14 Jahren angefangen, das Kupferstechen zu erlernen, was mehr dem üblichen Werdegang entsprechen würde.

Letztlich muss man sich mit der Angabe zufrieden geben, Lucas sei zwischen 1489 und 1494 zur Welt gekommen. Er starb nach längerer Krankheit 1533 – wie van Mander schreibt, in dem Glauben, ein eifersüchtiger Maler habe ihn vergiftet.

Das erhaltene Werk umfasst etwa 25 Gemälde und ebenso viele Zeichnungen sowie etwa 170 Kupferstiche, 30 eigenhändige Holzschnitte sowie 120 Holzschnitte für Buchillustrationen. Die Ausstellung im Städel Museum konzentriert sich weitgehend auf die Kupferstiche.

Die Kupferstiche van Lucas von Leyden zeigen sowohl technisch als auch in der Auswahl und Behandlung der Themen einen ganz eigenen Stil, der den Künstler seit etwa 1508 in ganz Europa bekannt und berühmt machte. Obwohl er Anregungen von Albrecht Dürer oder dem Kupferstecher Raffaels, Marcantonio Raimondi, bezog, verarbeitete er sie zu eigenen künstlerischen Lösungen. Besonders in Hinblick auf die Wiedergabe von Texturen und Licht bietet Lucas ein ungewöhnlich reiches Spektrum grafischer Gestaltung. Meistens stützte er sich nicht auf eine präzise Vorzeichnung, sondern riss die Komposition im Metall fein vor und führte sie dann frei aus. Lucas’ Linien sind sehr fein und nicht sehr tief gestochen, im Druckbild haben sie die Tendenz, leicht zu verschwimmen und sich miteinander zu verbinden. Dadurch entsteht eine ganz besondere tonale, malerische Wirkung mit satten, tiefen Schwärzen. Bei dieser Technik nutzt die Platte beim Drucken sehr schnell ab, so dass spätere Abzüge schwächer wirken.

Seine Themen wählte Lucas oft aus der Literatur, vor allem aus der Bibel. Auch dem Publikum seiner Werke muss die Bibellektüre wichtig und vertraut gewesen sein. Als Erzähler vermeidet Lucas van Leyden das Phantastische; er interessiert sich vor allem für die Repräsentation der Wirklichkeit, die allerdings verbunden bleibt mit einem tieferen, moralisierenden Sinn. So wird in der Versuchung Christi in der Wüste (Abb. 1) von 1518 der Teufel, der Christus auf die Probe stellt, indem er ihm vorschlägt, als Sohn Gottes Steine in Brot zu verwandeln, nicht wie es um 1500 verbreitet war, als furchterregendes, fantastisch ausgeschmücktes Monster dargestellt, sondern als ein sonderbarer Alter mit wallendem Kinnbart und Kapuzenmantel. Man muss genau hinsehen, um den Krallenfuß und die Schlange am Kapuzenzipfel zu entdecken.

Lucas versteht den Menschen aus seinem natürlichen Wesen heraus. Stets spürt er seelische Regungen auf und bindet sie in den Fluss der Erzählung ein, stets zeichnen psychologische Momente die Szenen aus. Alltagsdarstellung und psychologisches Interesse verbinden seine Werke mit dem holländischen 17. Jahrhundert.

Eines seiner bekanntesten Blätter ist der Stich des Milchmädchens (Abb. 2) von 1510, in dem der Sinn des Künstlers für die Beobachtung des Alltags deutlich wird, sodass man das Werk, hätte es nicht einen moralisierenden Hintergrund, als reine Genredarstellung ansehen könnte. Kupferstiche wie das Große Ecce-Homo (Abb. 3) wiederum beeindrucken durch die perspektivische Konstruktion der Stadtansicht. Auch hier befindet sich wie in zahlreichen anderen Blättern die eigentliche Szene, der vorgeführte Christus, den das aufgehetzte Volk zum Tode verurteilt, im Hintergrund, während im Vordergrund die Zuschauermenge in großer Detailtreue wiedergegeben wird – eine weitere ikonographische Erfindung, die von den unkonventionellen Bildlösungen von Lucas von Leyden zeugt.


Max Beckmann, Selbstbildnis, Lithografie, Städel Museum, Frankfurt am Main, Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn 2008
4. März — 11. Juni 2006 - Graphische Sammlung

MALERGRAFIK IN SCHWARZ. DER FRÜHE MAX BECKMANN

Max Beckmann (1884—1950) ist nicht nur als Maler und Zeichner eine der herausragenden Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, sondern wendete sich in unterschiedlichen Phasen seines künstlerischen Lebens auch der druckgrafischen Arbeit zu.

Als anerkannter Maler im Kreis der "Berliner Secession" um Lovis Corinth, Max Liebermann und Max Slevogt begann er druckgrafisch zu arbeiten. Die Kreidelithografie, die einen malerischen Duktus mit atmosphärischer Licht- und Schattenwirkung erlaubt, bildete die bevorzugte Technik seines Frühwerks und legt eine wenig bekannte künstlerische Ausdrucksweise Beckmanns offen.

Die im Sammlungsbestand des Städel vorhandenen frühesten Werke des Künstlers bis 1914 bilden den Kern der Ausstellung "Maler-Graphik in Schwarz. Der frühe Beckmann". Dazu zählen Illustrationen zu mythologischen und biblischen Szenen, aber auch Alltagsbilder der Großstadt, Aktdarstellungen und Bildnisse. Im Vergleich zu Werken prominenter französischer Vorläufer wie Honoré Daumier und Edouard Manet zeigt sich die überzeugende Qualität der frühen Druckgrafik Max Beckmanns.

Beckmanns druckgrafische Arbeiten konzentrieren sich auf die Jahre 1911 bis 1925 und 1941 bis 1946 und stehen dabei stets in Wechselwirkung mit den intensiven Bestrebungen des Malers. Von Beginn an nutzte Beckmann das grafische Schaffen im Verständnis der Künstlergrafik, die nicht eine Vorlage reproduziert, sondern eigenständig und in Auseinandersetzung mit den spezifischen Möglichkeiten der jeweils gewählten Technik in Erscheinung tritt.

Die frühe Phase seines druckgrafischen Schaffens bis zum historischen Einschnitt des Ersten Weltkrieges findet im Allgemeinen weniger Beachtung als die der folgenden Jahre. Die Ausstellung zur Maler-Graphik seiner frühen Jahre ist mit dem Wunsch verbunden, die Frage nach den besonderen Möglichkeiten zu stellen, die bereits der junge Maler im Medium der Lithografie und schließlich auch im Tiefdruck vorfand und umsetzte.

Nach der Weimarer Studienzeit und ersten Selbstbildnissen begann Beckmann im Jahr 1909 nachdrücklich druckgrafisch zu arbeiten. Im Auftrag Paul Cassirers entwickelte er zunächst neun Illustrationen zum Orpheus-Mythos "Eurydikes Wiederkehr" von Johannes Guthmann. Nicht Linie und präzise konturierte Formen, sondern inhaltlich aufgeladene Impressionen bestimmten seine Bildwelten, die er bis 1914 vor allem in der Kreidelithografie umsetzte.

Die Technik, die Ende des 18. Jahrhunderts bekannt wurde, erlaubt dem Zeichner, sich mit Kreide auf Stein ebenso frei auszudrücken wie auf Papier. Spürbar richtet sich das Interesse Beckmanns in seinen frühen Lithografien auf die dramatische Inszenierung von Licht und Schatten sowie die Bewältigung der räumlichen Weite. Mit einem tonig und weich anmutenden Strich erzeugt Beckmann dabei virtuose Effekte. Die Blätter lassen aber auch erkennen, dass Max Beckmann seine Kompositionen vor dem Hintergrund und in Kenntnis der Werke bedeutender Künstler wie Dürer, Rembrandt und Goya schuf. Als wichtige künstlerische Bezugspunkte für den Umgang mit der Lithografie berücksichtigte er im Besonderen Vorläufer des 19. Jahrhunderts wie Eugène Delacroix und Edouard Manet.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Frankfurter Beckmann-Ausstellungen veranstalten das Städel und die Schirn am Samstag, dem 6. Mai 2006, von 10.00 bis 18.00 Uhr im Metzler-Saal des Städelschen Kunstinstituts ein Symposium. Unter dem Titel "Was ich will, wird erst am Ende meines Schaffens deutlich werden, als Ganzes gesehen" wird es ein Forum zur Diskussion des Werkes von Max Beckmann bieten, an dem u. a. Mayen Beckmann, Klaus Gallwitz, Siegfried Gohr, James Hofmaier und Stephan von Wiese teilnehmen werden.

Die Ausstellung in der Graphischen Sammlung des Städelschen Kunstinstituts findet parallel zu der großen Ausstellung "Max Beckmann. Die Aquarelle und Pastelle", in der Schirn Kunsthalle (3. März - 28. Mai 2006) statt. Ebenso zeigt das MMK Frankfurt aus diesem Anlass Beckmanns Lithografienzyklus zur "Apokalypse" gemeinsam mit neuen Arbeiten von Thomas Demand (24. März - 27. August 2006).


Adam Elsheimer, Die Auffindung und Verherrlichung des wahren Kreuzes, Mitteltafel ("Frankfurter Kreuzaltar"), Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Artothek
17. März – 5. Juni 2006 - Ausstellungshaus EG

IM DETAIL DIE WELT ENTDECKEN. ADAM ELSHEIMER 1578–1610

Adam Elsheimer gehört zu den wenigen deutschen Künstlern, die in der europäischen Malerei des Barock hohes Ansehen gewonnen haben. Dennoch wird sein Name im Kanon der großen Meister in der Öffentlichkeit nur selten genannt, seltener, als es seiner großen Bedeutung als Maler zukommt. Unter Sammlern und Ästheten war er bereits zu Lebzeiten eine Legende und wurde von Künstlerkollegen wie Rubens und Rembrandt bewundert.

Der frühe Tod im Alter von 32 Jahren setzte seinem Schaffen ein jähes Ende. Elsheimer, der 1578 in Frankfurt geboren wurde und als Zwanzigjähriger über München und Venedig 1600 nach Rom ging, hat ein zahlenmäßig kleines – bisher sind 40 Gemälde und 30 Zeichnungen und Gouachen bekannt –, jedoch äußerst einflussreiches Werk hinterlassen.

Mit der dramatischen, von Hell-Dunkel-Kontrasten bestimmten Beleuchtung, der narrativen Vielgestalt und seinem poetischen Reiz entfaltete das aus kleinformatigen Kupfertafeln bestehende Werk, das heute zu den Schätzen der großen Museen gehört, europaweite Wirkung.

Das Städel, das die weltweit größte Sammlung von Elsheimers Werken besitzt, richtet dem großen Frankfurter Maler nun vierzig Jahre nach der letzten ihm gewidmeten Ausstellung im Städel die erste umfassende, wissenschaftlich neu erarbeitete Werkschau aus.

Wer war Adam Elsheimer?

Das wird man sich schon um 1600 gefragt haben, als der junge Künstler nach Rom kam. Die Ausstellung folgt den Spuren dieses neugierigen und wissbegierigen Malers und bietet dem Besucher eine unerschöpfliche Entdeckungsreise. Adam Elsheimer wurde 1578 als Sohn eines Schneiders in Frankfurt geboren.
Über seine Jugend und Lehrzeit in Frankfurt gibt es kaum Quellen, es wird jedoch angenommen, dass er ein Schüler des damals angesehen Philipp Uffenbach war, der das Vorbild der altdeutschen Malerei, vor allem Dürer und Grünewald, nie aus den Augen verlor. Nach seiner Ausbildung verließ Elsheimer seine Heimatstadt und besuchte auf dem Weg nach Italien vermutlich 1598 München. Italien sollte seine Wahlheimat bleiben. Der Aufenthalt in Venedig, wo Elsheimer mit dem aus München stammenden Hans Rottenhammer zusammenarbeitete, machte ihn mit den Werken der venezianischen Maler, vor allem Tintorettos, vertraut. Das Zusammentreffen von altdeutscher Tradition mit dem atmosphärisch Malerischen der venezianischen Meister führte in Elsheimers Werken zu einer ungewöhnlichen Mischung, die seinen Stil noch in späteren Jahren bestimmt hat. Spätestens im Heiligen Jahr 1600 erreichte Elsheimer Rom. Hier schloss er Freundschaft mit dem ein Jahr älteren Peter Paul Rubens und dessen Bruder Philipp und lebte in Kontakt mit deutschen Gelehrten, die sich der Literatur, der Theologie und den Naturwissenschaften widmeten. Sie inspirierten den Maler und förderten seine Kunst. Im Jahr 1607 wird er als einer der wenigen Deutschen als Mitglied der angesehen Accademia di S. Luca genannt.

In Rom entwickelte Elsheimer seine "poetische Malerei", mit der er Ideen der Romantik etwa zweihundert Jahre vorwegnimmt. Stimmungsvolle Landschaften im Mondlicht und geheimnisvolle nächtliche Innenräume, die nur von spärlichem Kerzenschein beleuchtet werden, machten ihn berühmt. Zeitlebens hat sich Elsheimer mit der Darstellung des Lichts auseinander gesetzt. Er beschäftigt sich sowohl mit dem dramatischen Helldunkel, das für Caravaggios Gemälde charakteristisch ist, als auch mit der Inszenierung künstlicher Lichtquellen, die in Italien als Spezialität der niederländischen Romfahrer galt. Elsheimer ist aber auch ein spannender Erzähler: Dramatische Ereignisse wie die Sintflut, brutale Mord- und Marterszenen und staunenswerte christliche Wunder hält er in ebenso eindringlicher Dichte fest wie ein kleines Stillleben.


8. bis 16. April 2006 - Ausstellungshaus

the Graduates

Abschlussausstellung der Absolventinnen und Absolventen 2006 der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste - Städelschule im Städel.

1815 hat Johann Friedrich Städel per Testament das Fundament für eine Gemäldesammlung und eine Kunsthochschule gelegt. Die Ateliers der Städelschule und die Ausstellungsräume des Städelschen Kunstinstituts, zwischen Dürer- und Holbeinstrasse gelegen, trennen heute kaum 50 Meter. Der direkteste Brückenschlag zwischen beiden Institutionen ist dabei die Kunst.

Nachdem im Jahr 2003 die Abschlussausstellung der Absolventinnen und Absolventen der Städelschule zum ersten Mal im Städel stattfinden konnte, wird diese neue Tradition auch dieses Jahr fortgeführt.

Bei der Ausstellungseröffnung wird der diesjährige Preisträger des Absolventenpreises bekannt gegeben. Dieser von dem neu formierten Verein Städelschule Portikus e.V. (vormals Verein Freunde der Städelschule e.V. und Verein Portikus e.V) gestiftete Preis ist mit 2.000 Euro dotiert.

Absolventen 2006:

Anette Babl, Ole Claßen, Andreas Diefenbach, Özlem Günyol, Eno Henze, Martin Holzschuh, Lisa Jugert, Pernille Kapper-Williams, Ivan Kostolov, Jie Liu, Dennis Loesch, Anna Ostoya, Dogan Özdogan, Anna Maria Saurer, Martin Scherfenberg, Lasse Schmidt-Hansen, Taner Tümkaya, Silke Voss, Tian Tian Wang, Adrian Williams, Lee Young Ho.

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